Reto Wyss, Sie leiten das Amt für Veterinärwesen mit rund 60 Mitarbeitenden. Man kann sich unter den vielen Aufgaben grob etwas vorstellen. Bitte geben Sie uns einen Einblick in Ihre Arbeit, beispielsweise in die Abteilung Tierschutz.
Unser Amt hat effektiv ein breites Aufgabengebiet. Mit unserer Arbeit sorgen wir dafür, dass die Vorgaben der Tierseuchen-, Tierschutz- und Hundegesetzgebung sowie die Bestimmungen der
Lebensmittel- und Heilmittelgesetzgebung – soweit sie Tiere betreffen – eingehalten werden. Im Tierschutz bedeutet dies, dass wir Kontrollen in Nutztier-, Heimtier-, Wildtier- und
Versuchstierhaltungen durchführen und bei Mängeln Korrekturmassnahmen anordnen. Weiter gehört der Schutz der Bevölkerung vor gefährlichen Hunden zu den Aufgaben der Abteilung Tierschutz. Die
Kontrollen in diesen Bereichen stossen nicht bei allen Tierhalterinnen und Tierhaltern auf Verständnis, und unsere Mitarbeitenden im Tierschutz sind relativ häufig Beschimpfungen oder sogar
Drohungen ausgesetzt. Auf der anderen Seite kommt aus der Öffentlichkeit oft die Kritik, dass wir zu wenig machen und der Tierschutzvollzug zu lasch sei. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in
der Abteilung Tierschutz brauchen also neben hoher Fachkompetenz auch ein dickes Fell.
Die Abteilung Primärproduktion dürfte sich insbesondere mit den Bereichen nachhaltige Lebensmittelund Futtermittelproduktion befassen. Welche
sind in diesem Bereich die grössten Herausforderungen?
Die nachhaltige Lebensmittelproduktion ist ein wichtiges Ziel des öffentlichen Veterinärwesens und sämtliche Abteilungen des AVET tragen dazu bei. Die Bekämpfung von Tierseuchen, die
tierschutzkonforme Haltung der Nutztiere, der verantwortungsvolle Einsatz von Tierarzneimitteln, aber auch die schonende und hygienische Schlachtung sind Grundlagen einer nachhaltigen
Lebensmittelproduktion.
Im Rahmen von Primärproduktionskontrollen kontrollieren wir in den Nutztierhaltungen die Futtermittel, die Hygiene bei der Gewinnung von Milch, Eiern und Honig, den Tierarzneimitteleinsatz und
die Rückverfolgbarkeit der Tiere. Weiter kontrolliert und bewilligt die Abteilung Primärproduktion die tierärztlichen Apotheken und erteilt Berufsausübungsbewilligungen für Tierärztinnen und
Tierärzte.
Eine weitere Abteilung ist die Tiergesundheit. Sie kümmert sich unter anderem um Tierseuchen. Gibt es aktuell ein Tierseuchenproblem (Vogelgrippe, Maul- und Klauenseuche oder
Ähnliches)?
Tatsächlich ist die Seuchenlage derzeit recht bedrohlich. Aktuell gibt es in der Schweiz Fälle von Vogelgrippe bei Wasservögeln, zum Glück auf einem tiefen Niveau. Daneben hatten wir im letzten
Jahr viele Fälle der von Mücken übertragenen Blauzungenkrankheit bei Rindern und Schafen und es wird auch diesen Sommer wieder Fälle geben. Daneben bedrohen die in Deutschland und Italien
vorkommende Afrikanische Schweinepest und die im grenznahen Frankreich im letzten Jahr aufgetretene Lumpy-Skin-Krankheit unsere Tierbestände und wir müssen Vorsorgemassnahmen treffen.
Die nächste Abteilung ist die Abteilung Fleischhygiene und Inspektionen. Welche Aufgaben nehmen die Mitarbeitenden dieser Abteilung wahr?
Zentrale Aufgabe der Mitarbeitenden in dieser Abteilung ist die Überwachung der Lebensmittelsicherheit im Bereich der Schlachtung. Jedes Tier wird dazu vor der Schlachtung von einer Fachperson
des AVET untersucht. Nach der Schlachtung werden dann die Schlachttierkörper und
Organe untersucht und es wird entschieden, ob das Fleisch als Lebensmittel verwertet werden darf oder nicht. Diese Aufgabe in den rund 130 Schlachtbetrieben des Kantons Bern sicherzustellen, ist
für unser Amt eine grosse organisatorische Herausforderung.
Welchen beruflichen Hintergrund haben die Fachleute in Ihrem Amt und wie schwierig ist es, solche Leute zu finden?
Die am häufigsten vertretene Berufsgruppe im AVET sind die Tierärztinnen und Tierärzte. Weitere bei uns vertretene Berufe sind Biologin, Landwirt, tiermedizinische Praxisassistentin, Polizistin,
Juristin, Metzger, Käser, Agronomin und Fachpersonen mit kaufmännischem Berufsabschluss. Allen gemeinsam ist, dass sie Tiere mögen und entsprechend bevölkern auch einige Hunde unsere Büros.
Insbesondere
in der Veterinärmedizin ist der Fachkräftemangel stark spürbar. Bisher hatten wir aber das Glück, für alle offenen Stellen eine geeignete Fachperson zu finden.
Viele Aufgaben des AVET sind die Umsetzung von Bundesaufgaben. Hat das Amt genügend Mitarbeitende, um die Einhaltung von Gesetzen zu kontrollieren?
Man denke dabei an den Tierschutz-Fall von Ramiswil oder allgemeiner an Crans Montana, wo den Behörden Unterlassungen unterstellt werden. Unsere Mitarbeitenden sind in allen Bereichen stark
gefordert. Gerade im Tierschutz müssen wir sehr stark priorisieren und die ungünstige Seuchenlage führt dazu, dass wir an unsere Grenzen stossen und gewisse Vollzugslücken in Kauf nehmen müssen.
Was hat sich seit 2009 am meisten verändert – in Ihrer Führungsrolle oder in den Anforderungen an das Amt?
2009 kam ich in einen Veterinärdienst, bei dem in unserer Zentrale an der Herrengasse rund 15 Personen arbeiteten und sehr viele Aufgaben im Milizsystem durch rund 150 dezentral tätige
Tierärztinnen und Tierärzte sowie Bieneninspektoren erfüllt wurden. Der Büroalltag war von Papierdossiers geprägt und in einem Büro war sogar noch eine Schreibmaschine in Gebrauch. Mit dieser
Organisation waren wir den gesellschaftlichen Ansprüchen an einen effizienten und effektiven Veterinärdienst nicht mehr gewachsen. Heute sind wir als eigenes Amt mit rund 60 Mitarbeitenden so
aufgestellt, dass wir unseren zahlreichen Herausforderungen mit einer geeigneten Organisation begegnen
können. Unsere Prozesse sind digitalisiert, Papierdossiers und Schreibmaschine aus den Büros verschwunden. Geblieben ist, dass wie damals auch heute sehr kompetente und motivierte Leute dafür
sorgen, dass wir unsere Aufgaben zugunsten der Bevölkerung erfüllen können.
Welche Entwicklungen oder Herausforderungen sehen Sie in den nächsten Jahren auf das AVET zukommen?
Es bleibt spannend. Fachlich stellt sicher die bedrohliche^Seuchenlage die grösste Herausforderung dar. Gesellschaftliche Trends werden unsere Arbeit auch in Zukunft stark beeinflussen. Ich
befürchte vor allem, dass das Verständnis für staatliche Massnahmen und die Bereitschaft
diese mitzutragen in gewissen Bevölkerungskreisen noch weiter abnehmen wird. Noch weiter zunehmen wird vermutlich auch der Anspruch der Bevölkerung, dass ihr der Staat 100-prozentige Sicherheit
garantiert, während gleichzeitig staatliche Aufgaben vermehrt hinterfragt werden.
Zum Abschluss: Wie beurteilen Sie die Anstellungsbedingungen des Kantons Bern? Können Sie sich Änderungen vorstellen, die den Kanton als Arbeitgeber attraktiver machen würden?
Die Anstellungsbedingungen sind grundsätzlich gut. Jahresarbeitszeit und Langzeitkonto bieten die nötige Flexibilität und die Tools zum mobilen Arbeiten ermöglichen uns die nötige Effizienz. Bei
Vorstellungsgesprächen erlebe ich auch, dass der Kanton konkurrenzfähig ist, ausser gegenüber dem Bund. Da müssen wir damit punkten, dass wir im AVET eine tolle Truppe sind und eine sinnstiftende
Tätigkeit ausüben.

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